Dehnen - State of the art
von Achim Schneider (Landestrainer Hessen / Schwimmen)
Trainingskonzepte unterliegen durch neue Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft einem
ständigen Wandel. Sie sollten von Zeit zu Zeit kritisch überprüft werden ob sie noch den aktuellen
Erkenntnissen standhalten oder ob es an der Zeit ist eine Korrektur vor zu nehmen.
In der letzten Zeit liest man immer wieder in meist kurzen populärwissenschaftlichen
Artikeln über negative Auswirkungen des Dehnens. Dabei werden neue neurophysiologische
Interpretationen lang bekannter Vorgänge schwarz-weiß-malerisch dargestellt. Etwa: Dehnen bringt
nichts, 10 Min. joggen würde dieselbe Erwärmung erzeugen usw. Aber so einfach kann man sich das
nicht machen und das Dehnen völlig ablehnen. Denn hier werden verschieden Aussagen in einen
Topf geworfen. Denn jetzt kommen die Gymnastikmuffel nämlich wieder auf den Plan und behaupten
sie hätten es ja immer gewusst.
Nach den Boomjahren (80er und 90er Jahre) ist in den letzten Jahren das Dehnen und Stretchen
immer wieder kritisch beleuchtet worden. Es wurden verschiedene Studien erstellt um die Wirksamkeit
zu ermitteln. Heraus kam unter anderem, dass einige Wirkungen die dem Dehnen immer zugeordnet wurden,
sich nicht bestätigen lassen oder nur in begrenztem Maße.
Zuvor jedoch einige grundlegende Dinge zur Muskel- und Bindegewebsphysiologie:
Ursachen der Muskelverkürzung
Man unterscheidet drei verschiedene Muskelzustände:
-
Reflektorisch verkürzte Muskeln:
Ist eine Struktur des Körpers verletzt, so regulieren die Innervations-
und Steuerungszentren (zentrales und peripheres Nervensystem) die umliegende Muskulatur. Ziel ist es,
Schmerzen möglichst zu vermeiden, die Aufrichtung und die bestmögliche Funktion zu gewähren.
Muskeln die dem entgegenwirken werden in Tonus und Kraft reduziert.
Die entlastenden Muskeln werden in Tonus und Kraft erhöht. Wird nun
in einer solchen Situation gedehnt ist dies gegen die neurophysiologisch
bedingte Schutzreaktion und widerspricht dem Schutzbedürfnis des
Organismus. Im Falle einer zu intensiven Dehnung ist sogar mit einer
zusätzlichen Traumatisierung des bereits verletzten Gewebes zu rechnen.
Der Heilungsprozess verzögert sich.
Aber nicht nur bei Traumen und Verletzungen, sondern auch bei Fehlstellungen,
Fehlhaltungen und Fehlbelastungen von Gelenken können solchen Mechanismen
ausgelöst werden.
Bei beiden Zuständen ist es sinnvoll erst die Verletzung bzw. Fehlstellung
zu behandeln bzw. zu beseitigen. Nach dem ausheilen reguliert sich
der Muskeltonus häufig wieder auf den normalen Zustand. Bleiben jedoch
Verkürzungen zurück können diese erst nach dem ausheilen sinnvoll
behandelt werden.
- Morphologisch verkürzte Muskeln
Einer morphologischen Muskelverkürzung geht eine längere Periode
voraus, in der Ursprung und Ansatz des Muskels angenähert waren (z.B.
Ruhigstellung nach Verletzungen)
Durch die Ruhigstellung nehmen die in Serie geschalteten Sarkomere
in ihrer Anzahl ab. Bereits nach 5 Tagen geschieht dies um 40%. In
einer Verlängerung ruhig gestellt, beginnt nach 24 Stunden eine Zunahme
der Sarkomere (van Wingerden 1998).
Durch die Immobilität wird aber auch das im und um den Muskel liegende
Bindegewebe verändert. Die Matrixstruktur des Bindegewebes bildet
zusätzliche Wasserstoffbrücken (Cross-Links), die zu einer qualitativen
und quantitativen Veränderung führen. Das Bindegewebe, welches vom
Knochen über die Sehne zum Muskel die Strukturen parallel begleitet
und unterstützt gehen auf der anderen Muskelseite wieder in die Sehne
und den Knochen über. Diese Kollagenenfasern sind relativ unelastisch
und zerreisen schon, wenn 1/3 ihrer Gesamtlänge gedehnt wird. Diese
Faser bilden eine Wellenform, die sich beim Dehnen abflacht. Die
Einlagerung von Wasserstoffbrücken (Cross-links) wird diese Abflachung
verhindert und damit die Dehnfähigkeit des Muskels einschränkt. Anfangs
sind diese zusätzlichen Wasserstoffbrücken noch wasserlöslich und
können durch wiederholte Bewegungen in einem bestimmten Ausmaß gelöst
werden.
Besteht diese Einschränkung aber über mehrere Monate, bilden sich
festere Brücken (pathologische Cross-links). Diese können dann nur
durch lange gehaltenen und häufig wiederholte Dehnungen behandelt
werden (van den Berg 2001). Therapeutisches eingreifen ist hier notwendig.
- Gesunde Muskeln
Die in Serie geschalteten Sarkomere bestimmen die Länge eines gesunden
Muskels. Dabei kann sich die Anzahl den Bedürfnissen anpassen, um
immer die größtmögliche aktive und passive Spannung entwickeln zu
können. Durch die Anzahl der Sakomere wird auch der Überlappungsgrad
der Aktin- und Myosinfilamente bestimmt, der für eine optimale Kraft-produktion
notwendig ist (Brokmeier 2001).
Prophylaktisch durchgeführte aktive oder passive Dehnungen eines
Muskels bewirken eine Steigerung der Eiweißsynthese mit Zunahme der
in Serie geschalteten Sarkomere, woraus eine Verlängerung resultiert.
Er stellt sich jedoch die Frage, warum ein gesunder Muskel überhaupt
künstlich verlängert werden soll, wo er sich doch der arbeits- oder
sportartspezifischen Belastung automatisch in idealer Weise in seiner
Länge angepasst und das auch noch unter der Prämisse der optimalen
Kraftübertragung im Verhältnis zur Winkelstellung des Gelenkes. Es
muss angenommen werden, dass aus der unnötigen Verlängerung des Muskels
eine Verschlechterung des Wirkungsgrades der Kraftübertragung im
Verhältnis zur Winkelstellung entsteht. Die der Ökonomie der Energiebereitstellung
entgegenwirkt. Brokmeier (2001) vermutet, dass sich das unnötige
Muskeldehnen besonders im Leistungssport negativ auf die Kraftentfaltung
und Kraftübertragung auswirken könnte.
Untersuchungen von Biologen haben ergeben, das der Muskel neben
den bekannten Eiweißfilamenten Aktin und Myosin weitere tertiäre
Filamente z.B. das Titin-Filament enthalten. Das Titin Filament liegt
zwischen Z-Scheiben und M-Scheiben innerhalb der Muskelzelle parallel
zu den Myosinfilamenten und ist hochelastisch. Jeweils 6 Titinfilamente
bilden mit 1 Myosinfilament als Titin-Myosin-Komplexfilament eine
funktionelle Einheit. Sie wirken wie ein Gummiband welches die Muskelzelle
immer wieder in die Ruhelänge zurück zieht. Hypertrophiert ein Muskel
durch Zunahme von Aktin und Myosin, bildet sich auch mehr Titin und
der Muskel leistet mehr Widerstand bei Dehnung. D.h. die Ruhespannung
steigt, dies darf aber nicht mit einer "Muskelverkürzung" gleichgesetzt
werden, denn die Dehnfähigkeit ist dadurch nicht zwangsläufig vermindert.
Die Gegner des "Dehnens" argumentieren zu den Wirkungen des Dehnens wie folgt:
Vergrößerung des Bewegungsausmaßes
Sie sagen durch lokales Dehnen lässt sich die Beweglichkeit nicht verbessern,
da die Länge des Muskels durch seine zentrale Steuerung bestimmt wird.
Nähere Erklärung siehe oben Muskel- und Bindegewebsphysiologie.
Durchblutung
Durch das mechanische Dehnen wird der Muskel und die Muskelhülle lang
gezogen, die im Muskel befindlichen Gefäße werden abgedrückt, die Durchblutung
sinkt.
Kürzere Erholungszeiten
Sie behaupten dies wären subjektive Empfindungen, die nicht wissenschaftlich
belegt sind. Ein lockeres Auslaufen nach dem Sport würde die Stoffwechselsituation
nachhaltiger (um 500%) verbessern. Hierdurch reguliert sich die Muskelspannung,
die Abbauprodukte werden optimal ausgeschwemmt und abtransportiert.
Verletzungsprophylaxe
Dazu aus einer neueren australischen Studie:
Dr. Rob Herbert und sein Team von der University of Sydney gingen in
ihrer Untersuchung der Frage nach, wie sinnvoll Dehnungsübungen nun wirklich
sind. Die Wissenschafter analysierten dafür die Daten von fünf Studien,
wobei sich drei Untersuchungen mit den Auswirkungen von Stretching nach
dem Training, zwei mit Stretching vor dem Sport auseinander setzten.
Die australischen Experten stellten dabei fest, Stretching wirkte dem
Auftreten von Schmerzen in einem so geringen Ausmaß entgegen, dass Sportler
diesen Effekt als nicht nennenswert bezeichneten. Darüber hinaus beugten
die Dehnungsübungen auch Verletzungen nicht signifikant vor.
Die Auswertung der Daten zweier Studien in militärischen Trainingscamps
ergab, dass das Dehnen der Muskeln im Durchschnitt nur eine Verletzung
in 23 Jahren verhinderte. Da die meisten Sportler im Vergleich zu den
extrem verletzungsgefährdeten Soldaten ein deutlich geringeres Risiko
aufweisen, fällt der Nutzen der Dehnungsübungen somit noch geringer aus.
Nur Wiederholung der Bewegung schützt vor Schmerzen.
Wie Herbert gegenüber BBC News Online erklärte, setzte sich die Annahme,
mit Stretching Verletzungen vermeiden zu können, in den 60er-Jahren durch.
Damals wurde die Meinung vertreten, dass Muskeln, die aus der Ruheposition
heraus plötzlich beansprucht werden, eher zu Krämpfen und Schmerzen neigen.
Herbert: "Während diese "Muskel-Krampf-Theorie" verworfen wurde,
blieben uns die Stretching-Übungen vor und nach dem Training erhalten."
Der australische Forscher hält es zwar für möglich, dass sich durch
ein leichtes Aufwärm-Training vor dem Sport das Verletzungsrisiko senken
lässt. Aber auch dies sei ungewiss, so Herbert. Was die Schmerzvorbeugung
anbelangt, so sieht er keine andere Möglichkeit zum Schutz der Muskeln
bei ungewohnten Bewegungen, als diese Abläufe immer wieder zu wiederholen,
bis sich die Muskeln daran gewöhnt haben. Die Ergebnisse der Studie wurden
im "British Medical Journal" veröffentlicht.
Gefunden in www.NetDoktor.at (30. 08. 2002)
Muskulärer Dysbalancen
Dazu ein Veröffentlichungen von Prof. Wiemann aus Wuppertal (Deutsche
Zeitschrift für Sportmedizin, Jg.49, Nr.4, 1998 "Filamentäre Quellen
der Muskel-Ruhespannung und die Behandlung muskulärer Dysbalancen")
Die Ergebnisse seiner Forschungen und auch anderer Arbeitsgruppen weisen
darauf hin, dass insbesondere die Kraftfähigkeit der Muskelgruppen zu
beachten ist. Dehnfähigkeit ist danach nie ein primäres Problem.
Vielmehr führen unterschiedliche Kraftfähigkeiten von z.B. Agonisten
und Antagonisten und Verschiebungen von Arbeitssektoren durch Alltags-
und Sportbelastungen zu Längen- und Spannungsanpassungen der jeweiligen
Muskeln. Folgt man diesen Gedankengängen, so ist ein gezieltes Dehnprogramm
nicht mehr nötig, vielmehr sind gezielte und ausgleichende Kräftigungsübungen
(z.B. für die Ischios oder interscapuläre Muskulatur) notwendig und es
ist auf die regelmäßige Ausnutzung des ganzen Arbeitssektors jedes Gelenkes
zu achten.
Fazit:
Das herkömmliche Dehnen sollte jeder Trainer und Sportler in seiner
Wirkung und Einsetzbarkeit überdenken. Prof. Dr. Schmidtbleicher weist
beispielsweise darauf hin, dass Dehnen vor Wettkämpfen mit schnellkräftigen
Belastungen kontraindiziert ist, da er sich die Spannung aus dem Muskel
nimmt d.h. die optimalen Wirkungsgrad negativ verändert. Nicht Ja oder
Nein zum Dehnen ist die Frage, sondern wann sollte ich wie Dehnen. Häufig
ist eine Aufwärm- und Lockerungsgymnastik mit streckenden Übungselementen,
die die Gelenke und Muskel vorsichtig auf die sportliche Aktivität vorbereitet,
ausreichend. Denn die Gelenke sollten über ihren gesamten Arbeitssektor
beweglich gemacht werden und erhalten bleiben, die Biomechanik der einzelnen
Gelenke und ihres Zusammenspiels berücksichtigt werden.
Langanhaltende Dehnungen mit langem Hebel die zudem die Gelenke unphysiologisch
belasten, sollten der Vergangenheit angehören. Auch sollte der Dehnschmerz
nach Möglichkeit nicht ausgelöst werden, da sonst der Muskel schon wieder
aktiv dagegen spannt und nicht locker ist (im EMG nachweisbar). Langgehaltene
Dehnungen sollten nur in seltenen schweren fällen, möglichst unter qualifizierter
fachlicher Anleitung durchgeführt werden.
Bei Bewegungseinschränkungen sollte versucht werden die Ursache herauszufinden.
Dies kann in Blockierungen der Wirbelsäule und anderer Gelenke liegen,
in Fehlstellungen der Gelenke oder durch Traumen. Aber auch Dauerfehlhaltungen
können die Ursache sein. Hier ist es erheblich effektiver die Blockierung
zu lösen, die Haltung zu korrigieren und zu schulen, sowie die Aufrichtungsmuskeln
zu aktivieren und dauerhaft die Muskulatur in ihrer Spannung zu normalisieren,
denn die Steuerung des Muskels erfolgt von Zentral.
Erfahrungsgemäß brauchen solche Informationen jedoch recht lange bis
sie in die tägliche sportliche Praxis Einzug finden, ähnlich wie es damals
mit den Umstellung des Dehnens in den 80er/90er Jahren gebraucht hat.
Literatur:
Freiwald, J. u.a.: (1999) Dehnen, neuere Forschungsergebnisse
und deren praktische Umsetzung. Manuelle Medizin 37, 3-10
Klaus Wiemann, Andreas Klee, Die Bedeutung von Dehnen und Streching
in der Aufwärmphase vor Höchstleistungen, Leistungssport 4/2000
Brokmeier A., Manuelle Therapie, Hippokrates Verlag 3. Auflage. 2000
Berg F.v.d. : Angewandte Physiologie, Bd.I und III. Georg thieme Verlag, Stuttgart 2001
Wingerden., BA.M., (1998) Bindegewebe in der Rehabilitation, Scipro-Verlag-Schaan
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